Ein Sprung für die Geschichtsbücher – Teil 3 der Leseprobe von Mario Stechers Autobiographie

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Nordische Kombination – Exklusiv für Nordicjumpworld gewähren Mario Stecher und sein Verleger Egon Theiner Einblicke in seinen autobiographischen Ratgeber „Ausdauernd erfolgreich“, der am 21. April 2015 im egoth Verlag Wien erscheint. Der letzte Teil unserer exklusiven Leseprobe beschäftigt sich...
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Nordische Kombination – Exklusiv für Nordicjumpworld gewähren Mario Stecher und sein Verleger Egon Theiner Einblicke in seinen autobiographischen Ratgeber „Ausdauernd erfolgreich“, der am 21. April 2015 im egoth Verlag Wien erscheint. Der letzte Teil unserer exklusiven Leseprobe beschäftigt sich der sportlichen Entwicklung Marios zu einem der ganz Großen der nordischen Kombination.

Erfahren Sie hier vorab Überraschendes, Faszinierendes und Aufschlussreiches über den Sportler und Menschen Mario Stecher.

Teil 3

Im Sommer 1993 führt Hanspeter Wagner ein eisernes Regime. Die Konsequenz, die er als Trainer an den Tag legt und ich als Athlet, trägt Früchte. In Saalfelden schaffe ich es als Siebenter unter die ersten Zehn. Der Sieger war – erraten! – Kenji Ogiwara. Aber der angehende Superstar Bjarte Engen Vik aus Norwegen wird Zehnter, und ich bin plötzlich mittendrin in der Weltspitze!
Es kommt noch besser. Am 15. und 16. Januar stehen die Holmenkollenspiele in Oslo auf dem Programm, dem Mekka des Nordischen Skisports. Es ist die Geburts- und somit auch die Heimstätte der Nordischen Kombination. Ein Triumph IMG_6222-1dort gehört zu den größten Auszeichnungen eines Kombinierers, ähnlich wie ein Tourneesieg eine gelungene Skisprung-Karriere abrundet. An diesem Wintertag gelingt mir im zweiten Durchgang ein Sprung, den ich erst im Laufe der Jahre mehr und mehr zu würdigen wissen werde. Im ersten Durchgang war ich auf 121m gekommen. Dies bewog die Jury dazu, den Durchgang abzubrechen und neu zu starten. In den Zeiten vor den Wind/Gate-Kompensationen hatten alle Springer mit derselben Anlauflänge anzufahren. Wurde zu weit gesprungen, musste verkürzt werden. Jetzt mussten alle noch einmal von der neuen Luke aus springen. Im zweiten Versuch lande ich bei 116m und bin schon zehn Meter weiter als der zweitplatzierte Takanori Kono (Japan). Im Finaldurchgang lege ich nach: Während Wladimir Smirnow ins Stadion einläuft und sich als 50-km-Sieger feiern lässt, vollbringe ich einen Sprung, der allem Anschein nach gar nicht mehr enden will. Ich treffe den Absprung an der Tischkante exakt im richtigen Augenblick, nehme sofort die richtige Flughaltung ein – und fühle mich wie ein Adler. Die körperliche Anspannung ist extrem, der Geist gleichzeitig absolut entspannt. Es ist, als hätte mich eine unsichtbare Kraft am Hosenboden gepackt und würde mich durch die Luft tragen. Der Sprung, nein, der Flug endet bei 126,5m. Dies bedeutet Schanzenrekord; 12,5m weiter als die bestehende Bestmarke! Ein 16-jähriger stellt am berühmten Holmenkollen die Rangordnung der Kombinierer und Skispringer auf den Kopf.

Beim Langlauf beträgt mein Vorsprung auf Kono 4:38 Minuten. Mehr als ihn fürchte ich aber Fred Boerre Lundberg aus Norwegen. Der spätere Olympiasieger geht als Dritter mit einem Rückstand von 5:21 Minuten ins Rennen. Fünf Minuten sind, angesichts der Ergebnisse aus dem Vorjahr, nicht gerade viel. Meine Ausgangsposition ist jedenfalls recht gut. Sie ist allemal gut genug, um in der Nacht vor dem Langlauf kein Auge zuzutun, und auch, um auch Toni Schutti ins Grübeln zu bringen: Wie wäre es denn, wenn Mario nicht mit seinen eigenen Ski, sondern mit denen von Larissa Lasutina starten würde? Lasutina ist bereits Staffel-Olympiasiegerin von 1992; sie wird die 1990er Jahre prägen wie kaum eine andere Langläuferin, und sie war in Oslo über 15km auf Platz elf gekommen. Sie ist kleiner und leichter als ich, doch in Anbetracht der Relation von Größe und Gewicht könnten ihre Ski tatsächlich auch für mich passen.
Man stelle sich vor, ich hätte mich selbst auf die Suche nach besseren Ski gemacht: Zum einen wäre dies natürlich ein eklatanter Misstrauensbeweis gegen meine Skifirma gewesen. Zum anderen hätte mich Larissa Lasutina bestenfalls ausgelacht. Im schlechteren Fall hätte sie mich mit einem nassen Fetzen aus der russischen Wachskabine gejagt. Einen solchen Deal konnten nur die Atomic-Verantwortlichen höchstpersönlich über die Bühne bringen – das Laufgerät einer Langläuferin der Nation A leihweise einem Nordischen Kombinierer der Nation B zu übergeben. Im Vergleich zu dieser Aktion am Holmenkollen war IMG_0946-1der Skitausch zwischen Biathleten und Kombinierern aus Österreich, während der Olympischen Winterspiele 2010, geradezu eine Lappalie.

Erfolg hat immer viele Väter. Bei meinem ersten Weltcupsieg ist Toni Schutti jedenfalls einer davon. Schon bei den Gleittests vor dem Rennen bemerke ich, dass ich mit Lasutinas Ski gute 15 bis 20 Meter weiter fahren kann als mit meinen eigenen. Laufen muss ich freilich schon selbst, und tatsächlich gelingt es mir, 54,4 Sekunden auf Lundberg bis ins Ziel zu retten. Meine Laufzeit ist die neunundfünfzigste des gesamten Feldes. Der Norweger nimmt mir zwar 4:25,5 Minuten ab, doch das reicht nicht, mich zu überholen Österreich hat einen frischgebackenen Kombinations-Weltcupsieger – im zarten Alter von 16 Jahren. Die Wachablöse der alten Garde ist vollzogen. Mein Anspruch an die Zukunft ist klar: Ich will Siege feiern.

Bei der Abschlussparty in Oslo darf ich eigentlich gar nicht das Lokal betreten. „Zutritt für Personen unter 21 Jahren verboten“, steht in norwegischer Sprache an der Tür. Um dort eingelassen zu werden, müsste ich wohl noch fünf Jahre zuwarten … Aber ich habe Glück. Es handelt sich um eine offizielle Party des Veranstalters. Und ich bin Holmenkollen-Sieger. Freilich freue ich mich, dass man mich einlässt; viel mehr noch genieße ich aber die zahlreichen Glückwünsche. Zudem lerne ich zahlreiche Personen aus der Nordischen Kombinationsszene persönlich IMG_8776-1kennen, zum Beispiel Günther Chromecek, den Trainer der Schweizer Mannschaft. An diesem Abend beginnen einige Bekanntschaften und Freundschaften – etwa mit den Serviceleuten rund um Werner “Wetzei“ Scherübl, der schon damals für Japan arbeitete –, die meine ganze Karriere hindurch anhalten werden. Auch wenn sich eine Sportart weiterentwickelt: viele ihrer handelnden Personen bleiben lange Zeit dieselben. Übrigens: Als ich dann endlich einundzwanzig war, hatte sich die Hausordnung des Lokals erneut geändert. Nun musste man mindestens 24 sein.

 

 

Bitte beachten Sie auch unser Gewinnspiel zur Buchveröffentlichung auf  https://www.facebook.com/nordicjumpworld

(c) NORDICJUMPWORLD – Johannes Markus Stettner – 04/2015 – info@nordicjumpworld.com

 

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